‘Sich schreiben in der Welt des Mittelalters. Begriffe und Konturen einer mediävistischen Selbstzeugnisforschung’: Titelinformation
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Sabine Schmolinsky
Sich schreiben in der Welt des Mittelalters
Begriffe und Konturen einer mediõvistischen Selbstzeugnisforschung
Selbstzeugnisse des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit 4 (ISSN 1439-3948)
2008. 200 S., 17 x 24 cm
Fest gebundene Ausgabe: ISBN 978-3-89911-089-0
Vorgesehener Erscheinungstermin: 31.03.2009



Selbstzeugnisse bilden ein gegenwärtig vielseitig diskutiertes Quellenfeld, zumal wenn unter historisch-anthropologischem Blickwinkel nach Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten gefragt wird. Das Buch entfaltet dieses Quellenfeld aus mediävistischer Perspektive. Ausgehend von begriffs- und wissenschaftsgeschichtlichen Analysen wird der Vorstellung vom eher spärlich mit autoreferentiellen Schriften besetzten Mittelalter ein offener Selbstzeugnisbegriff entgegengestellt, der selbständige von nicht selbständigen Selbstzeugnissen heuristisch zu unterscheiden ermöglicht. Letztere werden begrifflich als ,inserierte Selbstzeugnisse’ gefasst. Komplementär werden Quellen mit selbstbezüglichen Anteilen als ,komplexe Selbstzeugnisse’ gekennzeichnet.

Der mediävistischen Erforschung von Selbstzeugnissen wird zunächst ein weites Spektrum verschiedenster Quellentypen von Artefakten bis zu sprachlich oder tonal verfassten Selbstzeugnissen zugrunde gelegt, als deren Fluchtpunkte ,Selbstidentifikation’ und ,Selbstrepräsentation’ diskutiert werden. Der eigene Name, die Schrift mit der eigenen Hand erscheinen als gewissermaßen basale Selbstzeugnisse. Insbesondere an Briefen und Briefsammlungen werden die Probleme verteilter Urheberschaft, Interferenzen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit sowie Genderfragen beobachtet.

Bei der Untersuchung ,inserierter Selbstzeugnisse’ rücken Kontexte verstärkt in den Blick. Die eigene Person erscheint thematisiert im Augenzeugenbericht, in bio-/hagiographischen Schriften oder in Visionsberichten, wobei ihrem Verbleib im Zuge von Textualisierungen und Überlieferung nachgegangen wird. Selbstbezügliche Notate werden in kalendarischen Quellentypen und in historiographischen Werken aufgesucht. Exemplarisch analysiert werden Quellen von der Spätantike und dem Frühmittelalter bis zum späten 16. Jahrhundert.

Die wieder virulenten Fragen nach den Formen mittelalterlicher Individualität, nach der Relation von Individuum und Gruppe können sich in der Perspektive dieses Buches an eine mediävistische Selbstzeugnisforschung wenden, die die historischen Praktiken der Verstetigung eines Ichs ins Auge fasst. Sie vermag zu zeigen, dass Selbstreferentialität auch in der mittelalterlichen Gesellschaft präsent war. Wie ihre Orte entdeckt werden können, wird hier gezeigt.



Inhalt
Einleitung · A. Begriffe 1. ‘Selbstzeugnis’ - Wort und Begriff · 2. ‘Selbstzeugnis’ - Wort und Begriff historisiert · 3. ‘Autobiographie’ und ‘Selbstzeugnis’ - Georg Misch a. Universalgeschichte und Selbstbiographie; b. ‘Organische Individualität’ und ‘Persönlichkeitsbewusstsein’; c. Epochenbezug und Burckhardtrezeption · 4. ‘Selbstzeugnis’ in den ersten Jahrzehnten nach 1900. Auf der Suche nach der Authentizität von Lebensform und Lebensgefühl a. Gattungs- und sozialgeschichtliche Tendenzen; b. Eine Sammlung bei Reclam. Zu Marianne Beyer-Fröhlichs ‘Deutschen Selbstzeugnissen’ · 5. Zeitgenössische Terminologien und Erkenntnisinteressen a. Erzählte Erinnerung; b. ‘Selbstzeugnis’, ‘Ego-Dokument’ und andere Terminologien; c. Aussagen zur eigenen Person im Blick der Forschung · B. Im Licht der Mitwelt. Selbstidentifikationen im sozialen Raum 1. Zwischen Klang und Bild. Das Selbst hören und sehen lassen · 2. Fremd- und Selbstidentifikation im Kleinen. Der eigene Name · 3. Zwischen Authentifikation und Konvention. Eigenhändiges Schreiben und Diktat · 4. Jenseits der Intimität? Brief und Selbstzeugnis a. Die zu bevorzugende Relation? ‘Privatbrief’ und Selbstbezug; b. Geschlechtersymmetrie im Selbstbezug? Brief und Gender; c. Konturen des Selbstbezugs in Briefsammlungen?; d. Gedämpfte Empathie im Selbstbezug. Briefe einer Handwerkerfamilie · C. Augenzeugenschaft und Selbstbezug im ‘Kontext’. Inserierte Selbstzeugnisse 1. Glaubenszeugin im Angesicht des Todes · 2. Personale Gegenwart der Biographen und erzählte Selbstzeugnisse · 3. Zwischen Vision und lebensweltlichem Bezug. Zur Komposition des Lebens einer Seherin · 4. Marginalien und Notate zum eigenen Leben a. Komplementäres Gedächtnis. Selbstbezügliches in Kalendarien; b. Komplementäre Daten. Selbstbezügliches in der Historiographie · D. Resümee und Ausblick · Abkürzungen · Quellen (bis 1600) · Literatur (ab 1600) · Elektronische Ressourcen





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